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Zur Attraktivität des Dienstes in unseren Streitkräften

Von Dr. Hans-Peter Bartels, MdB, und Ursula Mogg, MdB, Stellvertretende Vorsitzende der Arbeitsgruppe Sicherheit der SPD-Bundestagsfraktion
Berlin, April 2008

 

1. Beim Festakt zur 50-Jahrfeier des Deutschen Bundeswehrverbandes im September 2006 sprach Bundeskanzlerin Merkel ein deutliches Bekenntnis: "Ich stehe zur Wehrpflichtarmee. Aber wir sollen auch viele haben, die sich entscheiden, Berufssoldat zu werden. Dies muss ein attraktiver Beruf sein. Dies muss ein Beruf sein, für den sich die Besten entscheiden wollen und können. Das hat auch etwas mit dem sozialen Umfeld und mit den materiellen Gegebenheiten zu tun."

So ist es! Aber noch ist das mit der Attraktivität nicht so, wie es sein müsste.

"Die Besten", die sich für die Bundeswehr entscheiden sollen, werden in den kommenden Jahren aus immer kleiner werdenden Jahrgangskohorten kommen müssen, denn der demographische Wiedervereinigungsknick in Deutschland trifft alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Um den schrumpfenden Nachwuchs konkurrieren dann alle Teile der Wirtschaft, der öffentliche Dienst und auch die Bundeswehr. In zwanzig Jahren werden pro Jahr doppelt so viele Erwerbstätige aus ihren Berufen ausscheiden wie dann Jüngere nachkommen. Gegen die Wucht dieses Wandels nehmen sich die Gegenrezepte eher harmlos aus: späterer Renteneintritt, höhere Frauenerwerbstätigkeitsquote, gesteuerte Zuwanderung, Rationalisierung.

Für die Bundeswehr aber wird es von Jahr zu Jahr schwieriger, geeignete Zeit- und Berufssoldaten zu finden. In Ostdeutschland ist die demografische Entwicklung noch dramatischer, was besonders prekär ist, da derzeit 40 Prozent der Bewerber für alle Laufbahnen aus dem Osten stammen. Vorprogrammiert sind spürbare personelle Engpässe hinsichtlich Stellenbesetzung und Auftragserfüllung – beginnend ab 2009.

2. Neben der quantitativen Verfügbarkeit des Personals ist auch die körperliche Verfassung der jungen Leute heute als kritisch anzusehen. Studien der Robert-Koch-Stiftung belegen, dass jedes vierte Kind und jeder dritte Jugendliche in Deutschland übergewichtig ist – und dass daraus mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit übergewichtige Erwachsene werden. Eine Tendenz, die lähmende Auswirkungen auf die Professionalität der Truppe haben kann.

3. Gravierend sind heute schon die Lücken in einzelnen Spezialverwendungen der Bundeswehr, etwa in technischen Funktionen, im Zentralen Sanitätsdienst, im fliegerischen Dienst sowie in allen IT-Verwendungen. Die Konkurrenz drückt heute schon, und sie wird sich verschärfen.

Der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbandes, Bernhard Gertz, zeichnet ein düsteres Bild der Lage: "Die im Sinkflug befindliche Attraktivität des Dienstes in der Bundeswehr wirkt sich auf die ohnehin schwierige Nachwuchslage katastrophal aus".

4. Aus all dem folgt: Die Bundeswehr muss sich für den Kampf um die besten Köpfe dringend attraktiver darstellen, sie muss sich flexibler zeigen als heute und ihre Alleinstellungsmerkmale stärken.

Was also ist zu tun? Zuerst kommt, auch für die Soldaten, das Materielle. Zwei Euro mehr Wehrsold für Wehrpflichtigen sind gut ebenso wie eine Gehaltserhöhung bei den Zeit- und Berufssoldaten. Der Bund sollte bei diesen Forderungen diesmal nicht nur kameralistisch dagegenhalten. Es geht um Attraktivität!

Deutliches Verbesserungspotenzial bietet nach wie vor die Beförderungs- und Planstellensituation. Zu lange müssen Soldaten oft auf eine Beförderung warten. Dann gibt es Sonderprogramme oder Stellen werden hin und her geschoben, aber die Decke ist insgesamt zu kurz.

Die Schere zwischen gestiegenen Anforderungen für Angehörige der Bundeswehr in gefährlichen Auslandseinsätzen und die Entwicklung des materiellen Entgelts geht immer weiter auf. Und 18 Jahre nach der deutschen Einheit ist die "Ost-Besoldung" in einer Armee, die gemeinsam übt und eingesetzt wird, nicht mehr nachvollziehbar.

5. Es ist etwas anderes, ob Erwerbstätige Taxi fahren, in der Krankenpflege arbeiten, Handys verkaufen, als Lehrerinnen und Lehrer tätig sind, oder ob jemand für zusätzlich 92,03 Euro Auslandsverwendungszuschlag am Tag damit rechnen muss, im militärischen Einsatz zu töten oder getötet zu werden, zu verwunden oder verwundet zu werden bzw. ein Leben lang mit gesundheitlichen Handicaps umgehen zu müssen.

Mit dem Einsatzversorgungsgesetz haben wir ein Instrument geschaffen, das es Soldatinnen und Soldaten, die im Einsatz gesundheitliche Schäden erlitten haben, ermöglicht bei der Bundeswehr beschäftigt zu bleiben. Gefordert wird nun weiter ein höherer Auslandsverwendungszuschlag von 110 Euro. So berechtigt diese Forderung der Soldaten auf den ersten Blick sein mag, so ist in den Diskussionen doch oft auch der Wunsch zu hören, dass sich die Dauer und individuell sehr unterschiedliche Belastung durch die Auslandseinsätze in Anrechnungszeiten, etwa beim Eintritt in den Ruhestand niederschlagen, sollte. Dies könnte sinnvoller sein als einfach nur mehr "Cash".

Gute Ansätze zur Attraktivitätssteigerung haben wir mit der Erhöhung des Gehaltes für herausgehobene Dienststellungen, wie die eines Kompaniechefs, und die Einstellung mit höherem Dienstgrad bei entsprechender ziviler Ausbildung in die Wege geleitet.

6. Nicht vom Tisch ist aus der Sicht der Fachpolitiker im Deutschen Bundestag die sog. S-Besoldung für Soldatinnen und Soldaten. Nach der Bundestagswahl 2005 hatten sich die Koalitionäre vorgenommen, im Rahmen der Modernisierung des Bundesbeamtenrechtes die besonderen Belange und Belastungen der Angehörigen der Bundeswehr zu bewerten und eine Lösung dafür zu finden. In einer Anhörung Mitte September 2007 haben die vertretenen Interessenverbände – entgegen vorheriger Ankündigungen zu einer S-Besoldung – dafür geworben, die soldatenspezifischen Besonderheiten im Regierungsentwurf zur Änderung des Beamtenrechts zu berücksichtigen. Vermutlich wird diese Lösung auf Dauer nicht tragfähig sein.

7. Attraktiv ist ein Arbeitgeber auch immer dann, wenn er neben einer hochwertigen Ausbildung interessante Angebote der Fort- und Weiterbildung machen kann – bei der Bundeswehr für Zeitsoldaten darüber hinaus solche für den Wechsel in die zivile Arbeitswelt. Die Internationalität der Einsätze fordert von allen Soldatinnen und Soldaten mehr Sprachkompetenz (vor allem in Englisch). Nicht zu vernachlässigen ist zudem für eine große Zahl von Unteroffizieren die Weiterentwicklung der nun vor fast zehn Jahren erfolgreich angestoßenen Kooperation mit der Wirtschaft. Dabei muss die Fachhochschulausbildung stärker berücksichtigt werden und die Instrumente des Berufsförderungsdienstes sind entsprechend auszurichten.

8. Interessant zu beobachten ist heute, dass die Bundeswehr für Abiturientinnen und Abiturienten als Arbeitgeber ins Blickfeld gelangt, die sich internationalen Herausforderungen stellen wollen. "Ich habe mich für den diplomatischen Dienst interessiert, dann aber entdeckt, dass die Bundeswehr ähnliche Aufgabenfelder bietet." betonte eine junge Soldatin im Gespräch. Und sie hat nicht ganz Unrecht. In den internationalen Einsätzen werden von der Soldatin und dem Soldaten neben militärischer Professionalität oft kulturelle Kompetenz, Diplomatie und Verhandlungsgeschick gefordert. Ein lohnenswertes Feld für diejenigen, die sich über Anforderungsprofile jenseits der sog. Studierfähigkeit und Werbestrategien Gedanken machen.

9. Spricht man mit Soldatinnen und Soldaten darüber, was sie sich von ihrem Arbeitgeber am meisten wünschen, fällt fast immer spontan der Begriff "Planbarkeit". Es kommt nicht selten vor, dass Soldaten nach kurzer Zeit auf einem Dienstposten schon wieder versetzt werden, da sie anderswo eine ihrem soldatischen Verwendungsaufbau besser entsprechende neue Tätigkeit wahrnehmen können. Das wird sich bei einer Bundeswehr in der Transformation – gleichzeitig im Umbau und im Einsatz – nicht immer vermeiden lassen. Und als besonders herausfordernd wird dieser Prozess gewiss von denjenigen empfunden, die noch aus der "alten Bundeswehr" vor der großen Zeitenwende kommen. Aber systematischer Verwendungsaufbau und Planbarkeit gehören, insbesondere für Berufssoldaten, zu den guten Alleinstellungsmerkmalen ihres Arbeitgebers. Dieser Stärke sollte die Personalführung noch mehr Aufmerksamkeit widmen.

10. Die Staatsbürgerin und der Staatsbürger in Uniform sind wie alle anderen Teil gesellschaftlicher Veränderungsprozesse. Auf das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Dienst in den Streitkräften reagiert die Bundeswehr mit einer eigenen Konzeption. Sie bietet deutliche Fortschritte, wie zum Beispiel die Möglichkeit der Teilzeitbeschäftigung in entsprechenden Dienststellen, Telearbeit von zu Hause aus, sowie Ideen zum Ausbau der Familienbetreuungsorganisation. Angebote der Kinderbetreuung müssen hinzukommen und mit Haushaltsmitteln unterlegt werden.

Nachdem für Frauen der Zugang zur Bundeswehr vollständig geöffnet wurde, hat auch die Zahl von Beziehungen zwischen Soldaten und Soldatinnen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen – vielleicht weil der Partner die besondere Situation des anderen versteht, wenn er oder sie in eine Auslandsverwendung geht oder für eine Beförderung eine Versetzung von Schleswig nach Lechfeld in Kauf nehmen muss. Eine solche Verbindung birgt jedoch notwendigerweise die doppelt so hohe Gefahr einer möglichen Versetzung und somit das Risiko des Lebens in einer Fernbeziehung. Studien zu Beziehungen zwischen Soldatinnen und Soldaten in der Bundeswehr gibt es bisher noch nicht. Aber das Problem ist klar erkennbar.

Von denjenigen, die in der Bundeswehr praktische Personalplanung machen müssen, hört man oft den Wunsch, auf Pools zugreifen zu können, die eine Personalreserve darstellen: "Wenn ich anrufe und am anderen Ende sagt jemand: "Ihr Mitarbeiter geht in die Elternzeit? Welche Kompetenz an welchem Ort wird gebraucht? Ersatz ist schon im Anmarsch! Das wäre Klasse!""

Zur neuen Familienrealität gehört auch, dass etwa die Ehefrau des Soldaten regelmäßig ihrer eigenen Erwerbstätigkeit nachgeht. Zu sehr bleibt die Bundeswehr hier noch dem alten Rollenbild der Hausfrau und Mutter verhaftet. Die Berücksichtigung unterschiedlicher Familiensituationen wird – nicht nur bei der Bundeswehr – zunehmend wichtig.

11. Die Halbierung der Bundeswehr bewirkt seit 1991 einen stetigen Rückzug aus der Fläche und somit gleichzeitig einen Rückzug aus dem Bewusstsein vieler Bürgerinnen und Bürger, die den Uniformträgern früher täglich begegnet sind. Auch dies ist ein Grund für das "freundliche Desinteresse" der Öffentlichkeit, über das Bundespräsident Horst Köhler klagt.

Marketingstrategen im Verteidigungsministerium sowie teuer eingekaufte zivile Fachleute entwickeln seit Jahren Werbekampagnen für die Bundeswehr, die als Kinospots laufen oder Plakatwände zieren. Es wäre zu wünschen, dass die Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr nachweisbare Früchte trägt.

Die Verbesserungen im Bereich der Wehrdienstberatung, des Messe- und Eventmanagements und die besondere Möglichkeit für Jugendliche, Besuche bei der Truppe zu machen, zeigen deutliche Erfolge hinsichtlich der Bewerberzahlen – was allerdings noch nichts über die Qualität der Bewerbungen sagt. Viele Jugendliche indes haben überhaupt keine Berührungspunkte mehr mit der Truppe.

Es gilt für die Sinnhaftigkeit des Auftrages der Bundeswehr zu werben und erfolgreich qualifiziertes Personal zu gewinnen. Dabei geht es um eine gewisse ideelle Präsenz – schließlich sind unsere Soldaten keine Söldner. Aber selbstverständlich geht es auch um eine Verbesserung des Materiellen.

 


 

Eine Kurzfassung dieses Textes ist im Magazin des Deutschen Bundeswehrverbandes, Ausgabe 4/2008, erschienen.

Deutscher BundeswehrVerband – Interessenvertretung aller Soldaten: www.dbwv.de



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