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Warum Ältere der Bundeswehr dienen

Gastbeitrag: Folgen des demografischen Wandels für die Sicherheitspolitik
(Rhein-Zeitung, 29.04.2008)

 


 

Der "demografische Wandel" ist in aller Munde. Kaum öffentlich diskutiert wird allerdings die Frage, welche Auswirkungen unsere zunehmend alternde Gesellschaft für die Bundeswehr haben wird. "Mehr oder weniger unbemerkt ziehen die jungen Alten in die neue sicherheitspolitische Welt ein", stellt die Bundestagsabgeordnete Ursula Mogg in ihrem Gastbeitrag fest.

 

"Demografischer Wandel" wird zum Schlüsselbegriff in fast allen Politikbereichen. In den Kommunen wird über die soziale Funktion von Gastwirtschaften ebenso nachgedacht wie über das Vereinsleben. Es geht um leer stehende Gebäude, Kindergärten, Schulen und Senioreneinrichtungen. Wir diskutieren auf Bundesebene über die Konsequenzen für Gesundheits- und Rentenpolitik ebenso wie über Arbeitsmarkt und Zuwanderung.

 

Wie sich allerdings eine alternde Gesellschaft in ihrer Außen- und Sicherheitspolitik aufstellen sollte, darüber wird in der breiten Öffentlichkeit bisher nicht besonders nachgedacht. Was ist zu erwarten, wenn "junge und zornige" Gesellschaften auf alternde treffen? Das ist eine mindestens so große Herausforderung wie die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme.

 

Zwar ist klar, dass Personalgewinnung vor dem Hintergrund des demografischen Wandels eine besondere He-rausforderung bedeutet: "Rein quantitativ scheint der Bedarf gedeckt zu sein, in qualitativer Hinsicht sind jedoch Zweifel angebracht, ob das zu erwartende Potenzial an Rekruten den neuen Herausforderungen der Bundeswehr genügen kann", wird in einem Konferenzbericht der Bundes- akademie für Sicherheitspolitik festgehalten.

 

Erfahrung sichern

 

Auch wenn an dieser Stelle die Frage unbeantwortet bleiben soll, ob der Zweifel sich nicht auch auf Quantität beziehen muss, so ist es ganz sicher richtig, dass vor allem die Frage, wie man qualifiziertes (älteres) Personal halten kann, bisher unbeantwortet geblieben ist. Das ist schade! Schließlich geht es um die Sicherung des wichtigsten Gutes einer alternden Gesellschaft: Erfahrung!

 

Mehr oder weniger unbemerkt ziehen die jungen Alten allerdings schon in die neue sicherheitspolitische Welt ein. Öffentlich wahrgenommen haben wir bisher nur diejenigen Soldaten - vor allem aus herausragenden Offiziersrängen -, die sich nach dem aktiven Berufsleben in Politik und Wirtschaft beratend betätigen. Aber es gibt auch andere! In Kinshasa trifft man den pensionierten französischen Offizier mit langjähriger Afrika-Erfahrung, der im Auftrag der EU für die Reform der Sicherheitskräfte (Eusec) im Kongo Verantwortung trägt. In Mazar-e-Sharif zeichnet ein deutscher Ruheständler aus dem Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit verantwortlich für ein ziviles Wiederaufbauprojekt. Ehemalige Offiziere mit Interesse an wissenschaftlicher Arbeit finden sich in Forschungseinrichtungen, Universitäten und internationalen Organisationen. Ehemalige Unteroffiziere werden mit ihren Primär- und Sekundärfähigkeiten gern in Unternehmen gesehen.

 

Daraus folgt, dass die Bundeswehr neben der zweifelsfrei dringend notwendigen Verbesserung der Attraktivität des Soldatenberufes über Mechanismen und Strukturen nachdenken muss, die Qualität und Erfahrung sichern, so wie dies auch Unternehmen zunehmend tun, die auf langjährige, qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht verzichten wollen.

 

Einstweilen allerdings ist festzustellen, dass dem Bundesministerium der Verteidigung offiziell wenig über seine "Ehemaligen" bekannt ist. Aufgrund der Regelungen im Soldatenversorgungsgesetz wissen wir, dass zirka acht Prozent der Soldaten beziehungsweise ihre Hinterbliebenen anrechnungspflichtige Einkommen anzeigen (Stand: November 2007); zirka 15 Prozent (2003 bis 2006) haben aufgrund des Soldatengesetzes zu Protokoll gegeben, dass sie außerhalb des Öffentlichen Dienstes eine Beschäftigung oder Erwerbstätigkeit aufnehmen wollen, die mit ihrer dienstlichen Tätigkeit in den letzten fünf Jahren vor ihrem Ausscheiden aus dem Dienst im Zusammenhang steht und durch die dienstliche Interessen beeinträchtigt werden könnten. Was genau diese "Unruheständler" tun, wissen wir nicht.

 

Datenbasis fehlt

 

Auch der Bundeswehrverband bekennt, dass er über keine Datenbasis verfügt, teilt jedoch die Beobachtung, dass sich viele Ruhestandssoldaten engagieren, und so wertvolle Kräfte zur Verfügung stehen, die man – zusammen mit pensionierten Angehörigen anderer Ressorts – nutzen könnte.

 

Daraus folgt, dass es zunächst um die Erstellung einer Datenbasis gehen muss und um die Formulierung konkreter "Einsatz"-Angebote: attraktiv, projektorientiert, zeitlich begrenzt, für besondere Aufgaben. "Senior Expert Teams" könnte das neudeutsche Wort für solche Verwendungen lauten. Die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Betroffenen müssen stimmen. Auch in den Streitkräften muss über die Anhebung beziehungsweise Flexibilisierung des Renteneintrittsalters nachgedacht werden. Vielleicht ist es auch möglich, die Instrumente des Berufsförderungsdienstes für den demografischen Wandel neu zu schärfen.

 

Die zweifelsfrei gravierenden Auswirkungen des demografischen Wandels für unsere Sicherheitspolitik bedürfen dringend einer eingehenden Betrachtung. Es geht einmal mehr um Zukunft.



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